Jedes Jahr wird mit der Veröffentlichung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ein öffentliches Deutungsfenster geöffnet. Kaum sind die Zahlen bekannt, entstehen die bekannten Erzählungen: Kriminalität nehme zu, Gewalt eskaliere, Zahlen explodieren und bestimmte Gruppen seien besonders auffällig. Diese Lesarten wirken plausibel und „wahr“, weil sie sich schließlich auf Zahlen stützen. Genau darin liegt ihre Wirkungsmacht und zugleich ihr Problem.
Denn die PKS wird in diesen Deutungen häufig als unmittelbares Abbild gesellschaftlicher Kriminalität gelesen. Übersehen wird dabei, dass sie keine Kriminalitätsrealität misst und objektiv darstellt, sondern polizeiliche Registrierung. Was gezählt wird, hängt von Anzeigeverhalten, Kontrollpraxis, rechtlichen Definitionen und institutionellen Prioritäten ab. Die daraus abgeleiteten Schlüsse reichen daher oft weiter, als es der Aussagebereich dieser Statistik erlaubt.
Was ist die PKS?
Die Polizeiliche Kriminalstatistik ist eine Registrierstatistik der Polizei. Sie wird seit 1953 geführt und jährlich vom Bundeskriminalamt herausgegeben. Erfasst werden alle Straftaten, die der Polizei bekannt geworden und von ihr bearbeitet worden sind sowie die dazugehörigen Tatverdächtigen. Die Auswertung erfolgt auf kommunaler und Länderebene sowie bundesweit.
Wichtig ist dabei ein oft übersehener Punkt: Die PKS endet mit dem Abschluss der polizeilichen Sachbearbeitung. Alles, was danach geschieht wie staatsanwaltschaftliche Entscheidungen, gerichtliche Verfahren, Verurteilungen, Freisprüche oder Einstellungen, ist nicht Teil dieser Statistik.
Die PKS ist damit kein Abbild des gesamten Strafverfolgungssystems, sondern ein ganz bestimmter Ausschnitt, nämlich: der polizeiliche.
Was bildet die PKS ab?
Die PKS bildet polizeiliche Bekanntwerdung und Registrierung ab. Konkret enthält sie Informationen über:
- polizeilich registrierte Straftaten („Fälle“), gegliedert nach Deliktgruppen
- ermittelte Tatverdächtige, differenziert u. a. nach Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit (Unterscheidung deutsch / nicht-deutsch)
- polizeiliche Aufklärungsquoten (im Sinne eines ermittelten Tatverdachts)
- Tatörtlichkeiten und Tatzeiträume, soweit erfasst
- Versuch und Vollendung bestimmter Delikte
- Tatmittel, soweit sie in den Kategorien vorgesehen sind
In dieser Funktion ist die PKS ein Indikator für Sichtbarkeit, also das Hellfeld: Sie zeigt, wo Straftaten angezeigt, entdeckt und polizeilich bearbeitet werden. Sie zeigt zugleich, wo polizeiliche Kontrolle stattfindet und welche Delikte als statistisch relevant gelten.
Was bildet die PKS nicht ab?
Viele Fehlinterpretationen entstehen dadurch, dass der Aussagebereich der PKS überschätzt wird. Die Statistik bildet insbesondere nicht ab:
Keine tatsächliche Kriminalitätsbelastung
Ein erheblicher Teil strafbaren Handelns wird nie angezeigt oder entdeckt. Dieses Dunkelfeld variiert stark nach Deliktart, sozialem Kontext und gesellschaftlicher Sensibilisierung. Veränderungen in der PKS können daher ebenso gut auf verändertes Anzeigeverhalten wie auf verändertes Verhalten zurückgehen.
Keine TäterInnen
Die PKS zählt Tatverdächtige, nicht TäterInnen. Tatverdacht ist eine Ermittlungsannahme, kein Schuldnachweis. Mehrere Tatverdächtige pro Tat sind ebenso möglich wie Mehrfachzählungen einzelner Personen bei mehreren Verfahren.
Keine Ergebnisse von Strafverfahren
Die PKS enthält keine Informationen über Anklagen, Verurteilungen, Freisprüche oder Strafmaß. Wer aus PKS-Zahlen unmittelbar Aussagen über „Verurteilte“ oder „Bestrafte“ ableitet, vermischt unterschiedliche statistische Ebenen.
Nicht alle Deliktbereiche
Bestimmte Straftaten werden in der PKS gar nicht erfasst. Dazu gehören insbesondere Verkehrsdelikte sowie politisch motivierte Kriminalität. Für diese Bereiche existieren eigene Statistiken. Die PKS bildet daher nur einen Teil des strafrechtlich relevanten Geschehens ab.
Keine objektive Kriminalitätsentwicklung
PKS-Zahlen sind abhängig von:
- Anzeigebereitschaft der Bevölkerung
- polizeilicher Kontrolldichte
- Schwerpunktsetzungen
- rechtlichen Änderungen
- medialer Aufmerksamkeit
Sie reagieren sensibel auf gesellschaftliche und institutionelle Veränderungen, nicht nur auf tatsächliches Verhalten.
Keine Ursachen
Die PKS liefert keine belastbaren Informationen zu psycho-sozialen, ökonomischen oder biografischen Hintergründen. Sie erklärt nicht, warum Straftaten begangen werden, sondern ordnet registrierte Ereignisse strafrechtlichen Kategorien zu.

Warum Zahlen steigen können, ohne dass mehr passiert
Anzeigeverhalten und gesellschaftliche Sensibilisierung
Steigende PKS-Zahlen werden häufig als Hinweis auf eine Eskalation von Kriminalität gelesen. Methodisch ist diese Schlussfolgerung ohne weitere Prüfungen nicht haltbar. Veränderungen im Anzeigeverhalten können statistische Anstiege erzeugen, ohne dass sich das tatsächliche Verhalten entsprechend verändert hat. Gesellschaftliche Sensibilisierung, mediale Aufmerksamkeit oder Kampagnen senken die Schwelle zur Anzeige und machen bestimmte Delikte aus dem Dunkelfeld im Hellfeld sichtbar.
Polizeiliche Kontrolle und Selektionsmechanismen
Polizeiliche Präsenz, Schwerpunktaktionen und Kontrollstrategien beeinflussen maßgeblich, welche Taten entdeckt und registriert werden. Kontrolle ist dabei nicht gleichmäßig verteilt, sondern konzentriert sich auf bestimmte Räume, Situationen und Personengruppen. Diese Selektivität wirkt statistisch produktiv: Wo häufiger kontrolliert wird, entstehen höhere Fall- und Tatverdächtigenzahlen – unabhängig von einer tatsächlichen Zunahme kriminellen Handelns.
Selektive Kontrolle und Racial Profiling
In diesem Zusammenhang lässt sich auch über Racial Profiling diskutieren. Gemeint sind Kontrollentscheidungen, die sich an äußerlich zugeschriebenen Merkmalen wie Hautfarbe oder vermeintlicher Herkunft orientieren. Unabhängig von der rechtlichen Bewertung solcher Praktiken ist ihr statistischer Effekt klar: Gruppen, die häufiger kontrolliert werden, tauchen häufiger in der PKS auf. Die Statistik bildet damit nicht nur Verhalten ab, sondern auch die soziale Verteilung von Kontrolle.
Rechtliche Änderungen und Definitionsverschiebungen
Auch rechtliche Änderungen beeinflussen die PKS unmittelbar. Erweiterungen von Tatbeständen, veränderte Schwellen oder neue Strafbarkeiten vergrößern den Bereich dessen, was als Straftat registriert wird. Steigende Zahlen können in solchen Fällen Normverschiebungen widerspiegeln, nicht eine Veränderung von Verhalten. Die PKS reagiert sensibel auf rechtliche Definitionen, weil sie an diese gebunden ist.
Von Registrierung zu Bedrohung: Wie PKS-Zahlen Narrative erzeugen
PKS, Definitionsmacht und soziale Selektivität
Kriminalität wird nicht nur begangen, sie wird definiert. Die PKS ist Teil dieses Definitionsprozesses. Durch Auswahl, Kategorisierung und Priorisierung entscheidet sie mit darüber, welche Phänomene statistisch sichtbar werden und welche am Rand bleiben.
Diese Sichtbarkeit ist nicht „sozial objektive Wahrheit“. Polizeiliche Registrierung folgt Kontrolllogiken, die sich auf bestimmte Räume, Situationen und Gruppen konzentrieren. Die PKS misst damit weniger Abweichung als Kontaktwahrscheinlichkeit mit staatlichen Kontrollinstanzen. Wer häufiger kontrolliert wird, taucht häufiger als tatverdächtig auf – unabhängig vom tatsächlichen Verhalten.
Hinzu kommt eine strukturelle Leerstelle: Die PKS bildet keinen Verlauf ab. Sie zeigt nicht, was aus Tatverdächtigen wird, welche Verfahren eingestellt werden oder wo sich Lebenslagen stabilisieren. Sichtbar wird vor allem das punktuelle Ereignis, nicht der soziale Prozess. Diese Kombination aus selektiver Registrierung und fehlender Verlaufslogik begünstigt verkürzte Deutungen von Kriminalität.
Das deutsche System der Kriminalitätsmessung produziert zahlreiche Einzelstatistiken: Polizeiliche Kriminalstatistik, Staatsanwaltschaftsstatistik, Gerichtsstatistik, Strafvollzugsstatistik, Bewährungshilfestatistik, Rückfallstatistik. Jede dieser Statistiken bildet einen eigenen Ausschnitt ab. Was fehlt, ist eine konsistente Verlaufsstatistik, die den Weg von Verfahren, Personen und Entscheidungen über Zeit hinweg sichtbar macht.
Kriminologisch hat das erhebliche Konsequenzen. Wir wissen viel über einzelne Schnittstellen, aber wenig über Zusammenhänge. Sichtbar wird vor allem das punktuelle Ereignis, häufig auch das Scheitern. Stabilisierung, Abbruch krimineller Karrieren („Desistance from Crime“) oder gelingende Verläufe und Resozialisierung bleiben statistisch unabgebildet.
Sicherheitsnarrative: Messer, Jugend, Migration
Messerkriminalität als symbolische Verdichtung
Der Begriff „Messerkriminalität“ bezeichnet keinen eigenen Straftatbestand. In der PKS tauchen Messer lediglich als Tatmittel innerhalb verschiedener Delikte auf, werden in der öffentlichen Debatte jedoch häufig zu einem einheitlichen Phänomen zusammengefasst.
Kriminologisch relevant ist weniger ihre statistische Häufigkeit als ihre symbolische Funktion. Messer stehen für unmittelbare, körpernahe Gewalt und erzeugen ein Bild von Unkontrollierbarkeit. Diese Verdichtung erleichtert politische Kommunikation und die Konstruktion von Ängsten und Feindbildern, erschwert aber differenzierte Analyse.
Jugendkriminalität als Projektionsfläche
Ähnlich funktioniert die wiederkehrende Problematisierung von Jugendkriminalität, fachlich präzise als Jugenddelinquenz bezeichnet, oder Jugendgewalt. Sie lässt sich weniger als empirischer Befund über Jugendliche lesen, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Ordnungssorgen. In Phasen sozialer Unsicherheit wird jugendliches Verhalten schnell moralisch aufgeladen und statistisch überinterpretiert, insbesondere in öffentlichen Debatten über Sicherheit und Kontrolle. Die PKS liefert hierfür scheinbar objektive Bestätigung.
Migration und die Ethnisierung sozialer Risiken
Besonders deutlich wird die narrative Funktion der PKS bei der Lesart von Tatverdächtigenzahlen nach Staatsangehörigkeit. Da soziale Lage, Aufenthaltsstatus und Kontrolldichte statistisch nicht berücksichtigt werden, fungiert Nationalität als Ersatzindikator für komplexe soziale Risiken. Ungleichheit wird so nicht sozial, sondern ethnisch erklärt. Die Heranziehung der Statistik stabilisiert damit Deutungen, die soziale Problemlagen externalisieren.

Die Kommentare beziehen sich auf einen Instagram-Beitrag, in der die Polizei in Hamburg einen Rückgang registrierter Gewalttaten gegenüber dem Vorjahr berichtet. Auffällig ist weniger der konkrete Inhalt der Meldung als die Art ihrer Wahrnehmung. Entlastende Zahlen führen hier nicht zu einer Neubewertung, sondern zu Skepsis, Spott oder grundsätzlicher Infragestellung der Statistik.
Sichtbar wird ein Muster, das in der öffentlichen Auseinandersetzung häufig zu beobachten ist: Narrative von Eskalation, Kontrollverlust und Bedrohung sind bereits etabliert, bevor Informationen gelesen werden.
Die Statistik wird anschließend nicht zur Prüfung dieser Vorstellungen herangezogen, sondern selektiv genutzt. Sie gilt als Beleg, wenn sie bestehende Deutungen bestätigt, und als unglaubwürdig, sobald sie ihnen widerspricht.
Die PKS fungiert in diesem Zusammenhang weniger als Erkenntnisinstrument denn als Projektionsfläche für vorgeformte Menschenbilder und Sicherheitsvorstellungen. Was hier verhandelt wird, ist nicht primär Kriminalität, sondern Deutungshoheit.
Wozu werden die PKS-Zahlen normalerweise herangezogen?
Die entscheidende Frage lautet nicht, was die PKS „sagt“, sondern wofür sie genutzt wird.
Kriminalstatistiken können sinnvoll sein für:
- Präventionsplanung
- sozialpolitische Problemanalyse
- Evaluation konkreter Maßnahmen im Bereich der Kriminalpolitik oder Prävention
In diesen Kontexten können sie Hinweise auf Entwicklungen liefern und helfen, Maßnahmen gezielter auszurichten.
Statistiken sind dabei jedoch nie nur neutrale Zahlenreihen. Sie wirken immer auch in gesellschaftliche Deutungen von Sicherheit, Gefahr und Kontrolle hinein. Gerade deshalb erfordert ihre Interpretation statistische und kriminologische Expertise: Zahlen müssen eingeordnet, methodische Grenzen berücksichtigt und soziale Kontexte mitgedacht werden.
In öffentlichen Debatten geschieht genau das jedoch häufig nicht. PKS-Zahlen werden dann beispielsweise genutzt für:
- Angstkommunikation
- Legitimation repressiver Politik
- Feindbildkonstruktionen gegenüber bestimmten Gruppen
- vereinfachende Rankings von Städten, Regionen oder Bevölkerungsgruppen
Hier zeigt sich die politische Nutzbarmachung kriminalstatistischer Daten.

Finally… PKS = Perspektive / Kontrolle / Selektion?
Die Polizeiliche Kriminalstatistik liefert Zahlen, die in öffentlichen Debatten häufig als Tatsachen, als objektive Wahrheit über komplexes Verhalten vieler Menschen in einer Gesellschaft, gelesen werden. Dabei sind diese Zahlen Ergebnisse eines selektiven Registrierungsprozesses, der von Anzeigeverhalten, Kontrollpraxis, rechtlichen Definitionen und institutionellen Prioritäten geprägt ist. Wer mit diesen Zahlen argumentiert, bezieht sich daher nicht auf Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen, sondern auf einen begrenzten Ausschnitt, dessen Aussagekraft klar umrissen ist.
Gerade weil die PKS keine Ursachen erklärt, keine sozialen Hintergründe sichtbar macht und keine Verläufe abbildet, entfaltet sie erhebliche Deutungsmacht. Einzelne Ereignisse erscheinen als Muster, statistische Häufungen als Belege für Eskalation, während soziale Ungleichheiten in der öffentlichen Lesart häufig zu Eigenschaften bestimmter Gruppen und Nationalitäten verdichtet werden. Auf diese Weise werden Zahlen genutzt, um Ordnung und Orientierung zu schaffen, obwohl sie dafür nur begrenzt geeignet sind.
Für sich genommen erklären Zahlen nichts; erst durch Einordnung, Kontextualisierung und theoretische Deutung erhalten sie Bedeutung. Genau darin liegt die Aufgabe wissenschaftlicher Analyse: nicht im Ablesen einzelner Werte, sondern im Verstehen der sozialen Zusammenhänge, die hinter ihnen stehen.
Die Frage ist deshalb nicht, ob die PKS stimmt, sondern wofür sie genutzt wird. Welche Deutungen werden aus ihr abgeleitet, welche Bilder von Kriminalität stabilisiert und welche gesellschaftlichen Zusammenhänge dabei ausgeblendet, entscheidet nicht die Statistik selbst, sondern ihr Gebrauch.
