„Der muss weggesperrt werden – für immer!“ Nach schockierenden Straftaten schnellen die Emotionen hoch: Wut, Angst, Ohnmacht. In der öffentlichen Debatte dominieren dann Stimmen, die nach härteren Strafen rufen. Auch PolitikerInnen greifen diese Forderungen auf (z.B. der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2001). Härte signalisiert Haltung. Aber ist sie auch gerecht?
Mit diesem Beitrag möchte ich dich einladen, gemeinsam mit mir genauer hinzuschauen: Woher kommt unser Wunsch zu strafen? Was bedeutet Gerechtigkeit im Strafrecht eigentlich? Und was sagt unser Strafbedürfnis über uns selbst aus?
Zwischen Emotion und Ordnung: Warum wir strafen wollen
Strafe ist so alt wie die Menschheit. In frühen Gesellschaften diente sie dazu, das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen. Wer gegen Regeln verstieß, musste sühnen. Heute ist Strafe institutionalisiert: an Schuld, Verfahren und Verhältnismäßigkeit gebunden. Doch der Impuls zur Vergeltung wirkt weiter. Die Lust zu strafen, das Bedürfnis, Unrecht mit Leid zu beantworten, ist tief in uns verankert.
Psychologisch speist sich das Strafbedürfnis aus verletzter Moral, Angst, Kontrollverlust – aus dem Wunsch, Ordnung wiederherzustellen. Wir wollen, dass die Welt wieder „stimmt“. Und dafür braucht es oft ein Zeichen, ein Urteil, eine spürbare Konsequenz.
Hinter dem Wunsch zu strafen steckt oft auch das Bedürfnis, sich selbst moralisch zu entlasten. Wer „die Anderen“ scharf verurteilt, muss sich mit eigenen Ambivalenzen nicht auseinandersetzen. So dient das Strafbedürfnis auch der Abgrenzung und Selbstvergewisserung.
Strafe ist aber mehr als ein individuelles Bedürfnis. Sie ist auch ein gesellschaftliches und politisches Werkzeug: ein Symbol für Normen, Sicherheit, Gerechtigkeit.

Die Kultur der Kontrolle: Wenn Unsicherheit auf Punitivität trifft
In gesellschaftlichen Krisenzeiten – wirtschaftlich, politisch, sozial – wächst das Bedürfnis nach Ordnung. Härtere Strafen versprechen: Der Staat handelt. Die Kontrolle ist zurück.
Der britische Soziologe David Garland beschreibt in seinem Werk Die Kultur der Kontrolle1, wie Strafrecht zunehmend zur symbolischen Politik wird: ein kultureller Ausdruck für das Management kollektiver Angst. Strafverschärfungen suggerieren Sicherheit, wo Unsicherheit herrscht.
Auch Loïc Wacquant zeigt in Bestrafen der Armen2, dass Punitivität oft ein politischer Ersatz ist: Während sich der Sozialstaat zurückzieht, wächst das Strafsystem. Kriminalität wird moralisch statt sozial interpretiert – und mit Härte beantwortet.
Härtere Strafen erscheinen damit weniger als rechtliche Notwendigkeit, sondern als politische Reaktion auf Unsicherheit – ein Blick, der erst verständlich wird, wenn man sich mit den grundlegenden Fragen der kritischen Kriminologie beschäftigt.
Vom Wohlfahrtsstaat zum Strafstaat? Punitivität im neoliberalen Zeitgeist
Im Neoliberalismus gilt: Jede und jeder ist für das eigene Glück verantwortlich. Wer scheitert, hat eben nicht genug getan, sich nicht genug angestrengt oder falsche Entscheidungen getroffen. Diese Denkart durchzieht zunehmend auch das Verständnis von Kriminalität: Nicht mehr die sozialen Ursachen stehen im Fokus, sondern individuelles Fehlverhalten.
Der Soziologe Loïc Wacquant beschreibt diesen Wandel als Übergang vom fürsorglichen Wohlfahrtsstaat zum strafenden Kontrollstaat. Sozialpolitische Sicherungssysteme werden abgebaut, während Polizei, Sicherungsmaßnahmen und Abschiebungsbehörden aufgerüstet werden.
Aktuelle Debatten zeigen das deutlich: In der Diskussion um das Bürgergeld bzw. die neue Grundsicherung wurde im Herbst 2025 schnell von „Leistungsmissbrauch“, „Verweigerern“ oder „Faulenzern“ gesprochen – verbunden mit Forderungen nach Sanktionen, Kontrolle und mehr Druck. Ähnlich im Ausländerrecht: Wer nicht „leistungskompatibel“ erscheint, soll gehen. Abschiebung wird zur Antwort auf komplexe Integrationsfragen.
Auch in anderen Bereichen kann eine punitiv aufgeladene Stimmung beobachtet werden: Sexistische Übergriffe wie Catcalling sollen strafrechtlich verfolgt werden – eine verständliche Reaktion auf reale Erfahrungen, aber zugleich Ausdruck eines Zeitgeists, der auf Strafrecht als konfliktlösende Allzweckwaffe setzt.
Was dabei verloren geht: die Frage nach sozialer Verantwortung, strukturellen Ursachen und konstruktiven, präventiven Lösungen. Stattdessen erleben wir eine Gesellschaft, die normativ verunsichert ist – und in der Strafe zum Ersatz für echte Auseinandersetzung und (Um-)Lernen von Verhalten wird.
Wenn die Medien unsere Angst formen: Moral Panics
Ein weiterer Verstärker des Strafbedürfnisses ist die mediale Darstellung von Kriminalität. Dramatische Schlagzeilen, emotionale Bilder und zugespitzte Narrative erzeugen das Gefühl: Die Gesellschaft steht am Abgrund.
Der Kriminologe Stanley Cohen prägte für dieses Phänomen den Begriff der Moral Panic3: eine übersteigerte, moralisch aufgeladene Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen, oft befeuert durch Medien. Sie schafft Folk Devils – Sündenböcke, auf die sich Angst und Empörung projizieren.
Die Folge: politische Schnellschüsse, Strafverschärfungen, populistische Symbolpolitik. Das beruhigt kurzfristig – verhindert aber langfristig eine differenzierte Auseinandersetzung mit Ursachen und Lösungen.
Was Strafe leisten soll – und was nicht
Strafe verfolgt mehrere Zwecke: Sie soll vergelten, Normen bestätigen, abschrecken, den Rechtsfrieden sichern und Resozialisierung ermöglichen. Doch diese Ziele stehen nicht nur in Spannung zueinander, sie sind auch unterschiedlich gut wissenschaftlich belegt. Gerade die abschreckende Wirkung harter Strafen wird häufig überschätzt, während andere Ziele wie Resozialisierung langfristig deutlich relevanter sind.
Ein System, das vor allem auf Härte setzt, vernachlässigt dabei zentrale Fragen: Wie können Menschen sich verändern? Welche Rolle spielen soziale Herkunft, psychische Belastungen und Erkrankungen, Lebensumstände? Was brauchen Geschädigte oder Opfer, um mit dem Geschehenen umzugehen – und TäterInnen, um Verantwortung zu übernehmen? Und warum sind diese beiden Perspektiven kein Widerspruch?
Nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Beziehung, Vertrauen und Perspektivwechsel – das zeigen Psychologie, Sozialpädagogik und Traumaforschung seit Jahrzehnten. Strenge ohne Bindung wirkt allenfalls oberflächlich und kann sogar retraumatisieren.

Gerechtigkeit oder Genugtuung?
Der Wunsch nach Strafe ist eng verknüpft mit unseren Gerechtigkeitsvorstellungen. Doch diese sind keineswegs einheitlich. Für manche bedeutet Gerechtigkeit: harte Konsequenz. Für andere: Verstehen, Einordnen, Verändern.
Vielleicht müssen wir lernen, diese Ambivalenz auszuhalten. Wer nur Strafe will, will oft keine Gerechtigkeit – sondern Genugtuung. Doch Gerechtigkeit entsteht nicht durch lautstarke Empörung und Strafforderungen, sondern durch Differenzierung, Aushandlung und Verantwortung.
Finally… Was bedeutet Gerechtigkeit für dich?
Der Wunsch zu strafen ist menschlich, aber nicht alternativlos. Wir können ihn hinterfragen, reflektieren, transformieren. Vielleicht ist es an der Zeit, weniger auf moralischer Ebene zu fordern, wie hart eine Strafe sein soll – und mehr rational darüber, was sie bewirken kann.
Nicht Härte macht Gerechtigkeit aus, sondern Verhältnismäßigkeit, Kontext und der Wille zur verantwortungsvollen Lösung.
Was denkst du? Willst du bestrafen, um Genugtuung zu empfinden oder Macht zu demonstrieren – oder um Raum für Entwicklung zu schaffen? Was sagt es über eine Gesellschaft, wenn sie Härte für Gerechtigkeit hält? Vielleicht ist es Zeit, das Strafrecht nicht härter zu machen – sondern klüger.
Buchempfehlungen
- David Garland
Kultur der Kontrolle. Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart
Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2008
Ein Klassiker der kritischen Kriminalpolitik: Wie moderne Gesellschaften auf Unsicherheit mit Kontrollpolitik reagieren. ↩︎ - Loïc Wacquant
Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit
Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2009
Warum der Rückzug des Sozialstaats mit einer Ausweitung repressiver Maßnahmen einhergeht – und was das mit Punitivität zu tun hat. ↩︎ - Stanley Cohen
Folk Devils and Moral Panics: The Creation of the Mods and Rockers
Routledge Classics, London/New York, 2011
Wie Medien Ängste schüren, Sündenböcke erschaffen – und Strafpolitik beeinflussen. ↩︎


