Kennst Du dieses Gefühl, dass in den Nachrichten und sozialen Medien fast jede sicherheits- oder kriminalpolitische Debatte sofort emotional aufgeladen ist? Härtere Strafen, mehr Befugnisse für Polizei, Taser, elektronische Fußfesseln, neue Überwachungsgesetze, permanente Diskussionen über Bedrohungen – real oder gefühlt. Gleichzeitig zeigen langfristige Entwicklungen, dass viele Formen registrierter Kriminalität in Deutschland eher zurückgegangen sind. Diese Gleichzeitigkeit irritiert. Sie erzeugt den Eindruck einer Gesellschaft, die sich zunehmend defensive Haltungen angewöhnt, obwohl empirisch betrachtet nicht alles ständig gefährlicher wird.
Mich interessiert an dieser Stelle weniger die moralische Bewertung, sondern die Frage: Was sagt diese Stimmung über den Zustand der Gesellschaft aus? Und warum ist es sinnvoll, dafür Émile Durkheim zur Seite zu nehmen?
Durkheims Blick: Anomie als Diagnose sozialer Spannung
Der Soziologe und Ethnologe Émile Durkheim ist für die Kriminologie nicht deshalb wichtig, weil er Kriminalität „erklärt“, sondern weil er sie gesellschaftlich verortet. Er geht davon aus, dass Kriminalität normal ist – ein unvermeidbarer Bestandteil jeder normativ organisierten Gesellschaft. Entscheidend ist also nicht, dass Normbrüche vorkommen, sondern wie sie gedeutet, sanktioniert und politisch verarbeitet werden.
In diesem Zusammenhang führt er den Begriff der Anomie ein. Gemeint ist damit kein Chaos und auch kein völliges Wegfallen von Regeln. Anomie beschreibt eher einen Zustand stiller Verunsicherung: Die Normen, an denen Menschen ihr Handeln orientieren, verlieren an Stabilität. Das, was früher selbstverständlich war, gilt nicht mehr unbedingt – und das, was neu entsteht, ist noch nicht wirklich gefestigt. Menschen wissen dann weniger eindeutig, was sie voneinander erwarten können, welche Werte verbindlich sind und worauf sie sich langfristig verlassen dürfen.
Durkheim interessiert dabei vor allem die gesellschaftliche Ebene. Es geht ihm nicht darum, ob einzelne Menschen „den Halt verlieren“, sondern darum, dass ganze Gesellschaften in Phasen schnellen Wandels ihre gemeinsame Orientierung ein Stück weit einbüßen können. Alte Lebensentwürfe, Rollenbilder, Sicherheiten und Ordnungs- und Autoritätsvorstellungen geraten ins Wanken. Gleichzeitig sind neue Strukturen und Normen noch nicht so weit entwickelt, dass sie dieselbe Sicherheit bieten könnten.
In solchen Phasen entsteht eine Art latenter Spannungszustand. Erwartungen sind nicht mehr eindeutig. Institutionen müssen sich stärker rechtfertigen. Vertrauen wird zerbrechlicher. Für Durkheim ist das keine moralische Krise, sondern ein sozialer Prozess: Gesellschaften verändern sich – und in dieser Veränderung geraten ihre Normsysteme in Bewegung. Genau diesen Zwischenzustand nennt er Anomie.

Und hier kommt der entscheidende Gedanke: Wenn Orientierung unsicherer wird, gewinnen Moral, Strafe und Empörung eine besondere Funktion. Sie schaffen kurzfristig Klarheit. Sie markieren Grenzen. Sie stellen her, wer „dazugehört“ und wer nicht. In diesem Sinne sind auch harte Urteile und starke Emotionen nicht einfach Ausdruck von Aggressivität oder Rohheit, sondern Versuche, soziale Ordnung zu stabilisieren und ein Gefühl von Klarheit und Zugehörigkeit zu bekommen.
Durkheim betont außerdem, dass Kriminalität in jeder Gesellschaft ein normales Phänomen ist. Sie ist kein Zeichen des Zerfalls, sondern Ausdruck dessen, dass es überhaupt gemeinsame Normen gibt – denn erst dort, wo Regeln gelten, kann etwas als Regelbruch erscheinen. Wenn wir also glauben, Kriminalität vollständig „abschaffen“ zu können, verkennen wir diesen Zusammenhang. Dann wird verständlich, warum die Frage entscheidend ist, was eigentlich das gesellschaftliche Ziel von Empörung, Abwertung und Ausgrenzung straffällig gewordener Menschen sein soll.
Mit anderen Worten: Wenn Kriminalität nie ganz verschwinden wird, richtet sich Empörung oft weniger gegen die einzelne Tat als vielmehr auf die symbolische Sicherung des „Wir“.

Deutschland heute: Anomie als Gegenwartsdiagnose
Wenn ich diesen Ansatz auf die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland übertrage, wird Anomie sehr konkret. Ein zentrales Stichwort lautet Polarisierung. Öffentliche Debatten funktionieren immer weniger über Abwägung, sondern über Positionierung. Graubereiche verlieren Legitimität. Ambivalenz wird als Schwäche gelesen. Genau hier lässt sich Durkheims Anomie-Begriff anwenden: Wenn normative Sicherheit brüchig wird, greifen Gesellschaften zu vereinfachten moralischen Erzählungen. Sie wollen Orientierung – notfalls um den Preis der Differenzierung.
Diese Dynamik berührt viele gesellschaftliche Felder.
Deutlich wird sie etwa in Diskussionen um sexualisierte Gewalt, Femizide und Fragen wie „Ja heißt Ja“: Hier werden intime Normen, Geschlechterrollen und Machtbeziehungen neu verhandelt. Auch migrations- und sicherheitspolitische Debatten sind stark emotionalisiert, weil sie die Frage berühren, wer zum „Wir“ gehört und wer nicht. Parallel dazu verschiebt sich Kriminalpolitik zunehmend in Richtung Technik und Kontrolle: Taser, elektronische Fußfesseln, Datenanalyse-Software, Überwachung. Vertrauen wird externalisiert. Kontrolle wird sichtbar.
Hinzu kommen gesellschaftliche Felder, in denen Orientierung besonders fragil ist – Schule, Jugend, psychische Gesundheit, Arbeit. Viele junge Menschen erleben Leistungsdruck und Unsicherheit, Lehrkräfte stehen unter Legitimationszwang, Eltern suchen Halt in Ordnung und Sanktion. Zugleich ist der Arbeitsmarkt in vielen Bereichen flexibilisiert und prekarisiert. Biographien verlaufen weniger linear. Durkheim beschreibt genau diese Entkopplung von Leistung und Anerkennung als anomiegefährdet.
Ein wichtiger Hintergrundfaktor liegt dabei in sozialen Ungleichheiten und ökonomischer Unsicherheit. Auch wer erwerbstätig ist, erlebt heute häufiger prekäre Verträge, steigende Lebenshaltungskosten, Statuskonkurrenz und die Erfahrung, trotz großer Anstrengung keinen verlässlichen Aufstieg zu erreichen. Genau diese Entkopplung zwischen Leistung, Anerkennung und sozialer Sicherheit beschreibt Durkheim als anomiegefährdet. Wenn gesellschaftliche Beteiligung nicht mehr mit Berechenbarkeit verknüpft ist, bröckelt auch die normative Bindung. Unsicherheit wird dann nicht nur individuell erlebt, sondern strukturell produziert – und sie prägt die emotionale Aufladung kriminalpolitischer Debatten im Hintergrund mit.
Wenn Du all das zusammennimmst, entsteht ein klares Bild: Wir leben in einer hoch funktional differenzierten Gesellschaft — mit schwächer werdender normativer Selbstverständlichkeit. Ordnung muss permanent öffentlich hergestellt werden. Emotion ersetzt Stabilität. Moral ersetzt Vertrauen. Kontrolle ersetzt Bindung. Das ist kein Untergangsszenario — aber ein Dauerstresszustand moderner Gesellschaften.
Wenn Moral lauter wird
Besonders sichtbar wird Anomie dort, wo Moral und Sicherheit ineinandergreifen. In sozialen Medien formiert sich auf bestimmte Ereignisse binnen Minuten eine normative Front. Sätze wie „selbst schuld“ oder „Knast ist kein Hotel“ sind keine Argumente, sondern Grenzmarkierungen. Sie erzeugen Zugehörigkeit zum moralischen „Wir“.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Beschleunigung öffentlicher Kommunikation. Empörung, Bewertung und moralische Positionierung entstehen heute in Echtzeit – sichtbar, teilbar und sozial rückgekoppelt. Öffentliche Kommentare werden so zu Signalen von Zugehörigkeit. Sie erzeugen moralische Eindeutigkeit in Situationen, die eigentlich komplex und ambivalent sind. Durkheim hätte vermutlich gesagt: Kollektive Gefühle werden hier nicht nur ausgedrückt, sondern aktiv hergestellt. Die Dynamik sozialer Medien verstärkt und verdichtet das Bedürfnis nach klaren Grenzen – und damit auch nach Strafe, Ausschluss und Kontrolle.

Durkheim würde sagen: Hier wird soziale Kohäsion (Zusammenhalt) über moralische Schärfe hergestellt.
Gerade weil Orientierung unsicher erlebt wird, wächst das Bedürfnis nach klaren Urteilen. Aus Unsicherheit wird Eindeutigkeit. Aus Ambivalenz wird Schuld.
Parallel dazu schreitet die technische Aufrüstung der Sicherheitsbehörden voran. Kontrolle wird veräußerlicht – und symbolisch aufgeladen. Sicherheit wird zum Identitätsprojekt.
Polizei als Projektionsfläche
Die Polizei ist diesem Spannungsfeld besonders ausgesetzt. Einerseits nimmt die Gewalt gegen PolizistInnen zu und wird mit Sorge betrachtet. Andererseits werden polizeiliche Eingriffe kritischer und öffentlicher hinterfragt. Beides verweist auf denselben Kern: Die Polizei soll Ordnung verkörpern — während diese Ordnung gesellschaftlich umstritten ist.
In einem anomischen Zustand lässt sich dieser Widerspruch kaum auflösen. Die Polizei wird zur Projektionsfläche für Erwartungen, Ängste, Misstrauen und Sicherheitsbedürfnisse. Dadurch wird jede Auseinandersetzung um polizeiliches Handeln zwangsläufig emotional aufgeladen.
Der scheinbare Widerspruch: Sinkende Kriminalität, steigende Emotionalität
Besonders interessant ist, dass diese Entwicklungen nicht automatisch mit steigenden Kriminalitätsraten einhergehen. Viele Deliktfelder sind langfristig rückläufig. Gleichzeitig nimmt die moralische und politische Aufmerksamkeit für Kriminalität zu.
Das ist kein Widerspruch – sondern durkheimianisch logisch.
In Phasen normativer Instabilität rückt die symbolische Bedeutung von Strafe und Kontrolle in den Vordergrund. Sicherheit wird zur Frage der Identität. Kontrolle zum emotionalen Versprechen.
Man könnte sagen, die Debatte verschiebt sich anhand von drei Linien:
- weg von Ursachen hin zu Schuld
- weg von Strukturen hin zu individuellen „GefährderInnen“
- weg von Vertrauen hin zu Überwachung
Das ist Anomie als eine Art Reaktionskette.
Psychische Erkrankung als Sicherheitsrisiko?
Besonders sensibel ist der Umgang mit psychischer Erkrankung. Immer wieder gibt es Forderungen nach Registern, speziellen Überwachungsmaßnahmen oder Gefährlichkeitsklassifikationen. Aus durkheimianischer Perspektive zeigt sich hier eine zentrale Bewegung: Gesellschaftliche Spannungen werden individualisiert. Gefahr wird personalisiert. Anomie wird auf einzelne Körper und Biografien projiziert.
Für Betroffene ist das hoch stigmatisierend. Gleichzeitig entlastet es das System – denn strukturelle Konflikte müssen dann nicht als gesellschaftliche Verantwortung anerkannt werden.
Deutschland in Anomie – ohne Alarmismus
Für mich führt diese Analyse zu einer nüchternen Schlussfolgerung. Wir erleben keinen totalen Zerfall, sondern eine Gesellschaft unter permanentem Anpassungsdruck. Vielfalt, Beschleunigung, Digitalisierung, politische Unsicherheit, ökonomische Ängste – all das belastet die Mechanismen, die früher für Orientierung gesorgt haben. Bindung ist noch da, aber sie erklärt sich nicht mehr von selbst. Vertrauen muss hergestellt werden. Moral tritt lauter auf. Kontrolle wird sichtbarer.
Das ist Anomie – nicht als Katastrophe, sondern als Zustand gesellschaftlicher Spannung.
Was bedeutet das für Kriminalpolitik und professionelles Handeln?
Für eine menschenrechtsorientierte Kriminalpolitik bedeutet das aus meiner Sicht zweierlei. Erstens: Sicherheit ist wichtig, aber sie darf nicht ausschließlich über Strafe, Kontrolle und Technik bearbeitet werden. Zweitens: Wir sollten anerkennen, dass ein Teil der Emotionalisierung nichts mit Fallzahlen zu tun hat, sondern mit Verunsicherung, die struktureller Natur ist.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch ein leiser Tauschprozess beobachten: Wo traditionelle Integrationsmechanismen an Bindungskraft verlieren – Familie, Nachbarschaft, stabile Erwerbsverläufe, institutionelle Autoritäten –, tritt Kontrolle an ihre Stelle. Sicherheit wird dann weniger durch Zugehörigkeit, Vertrauen und Einbettung erzeugt, sondern durch technische Mittel, Überwachung und Sanktion. Durkheim würde darin keinen moralischen Fehler sehen, sondern eine soziallogische Reaktion auf Orientierungslosigkeit. Doch sie hat ihren Preis: Kontrolle kann Bindung kurzfristig ersetzen – sie schafft sie aber nicht.
Die eigentliche Aufgabe liegt darin, Vertrauen in Institutionen, Verfahren und Rechte zu stärken – gerade dann, wenn die Gesellschaft angespannt und nervös ist. Härte kann kurzfristig beruhigen. Sie ersetzt aber nicht die Frage, wie wir zusammenleben wollen.

Was bleibt – und was wir daraus machen
Wenn Du Durkheim ernst nimmst, siehst Du in Deutschland aktuell eine Gesellschaft in Anomie: nicht normlos, aber verunsichert. Nicht ohne Ordnung, aber mit brüchiger Selbstverständlichkeit. Nicht ohne Bindung, aber mit wachsender moralischer Lautstärke. Und Du siehst eine Kriminalpolitik, die zunehmend symbolisch arbeitet – als Beruhigungsmittel im Angesicht diffuser Unsicherheit.
Die Frage ist: Wie willst Du – in Deinem Beruf, Deinem Denken, Deinem Alltag – auf diesen Zustand reagieren?
Mit mehr Kontrolle? Mit mehr Moral? Oder mit mehr Beziehung, Nachvollziehbarkeit und Menschenrechten?
Ich lade Dich ein, darüber nachzudenken. Vielleicht beginnt Anomie genau dort zu bröckeln, wo wir innehalten, reflektieren – und Sicherheit wieder als Beziehungs- und Vertrauensaufgabe verstehen.