Strafe beruhigt. Aber wen eigentlich?
Strafe beruhigt. Strafe signalisiert Kontrolle. Strafe gibt dem Chaos eine Ordnung. Doch was sagt unser Wunsch zu strafen eigentlich über uns selbst aus?
In einer Gesellschaft, die auf Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Menschenwürde basiert, ist es erstaunlich, wie oft und wie heftig das Verlangen nach Bestrafung aufflammt. In Kommentarspalten. Am Stammtisch. Und manchmal, ganz leise, in uns selbst.
Dieser Beitrag lädt dich dazu ein, genau dort hinzusehen: In dein eigenes Inneres. In unser kollektives Gefühl. In eine Ethik, die tiefer geht als der Ruf nach Vergeltung.
Woher kommt unser Impuls zu strafen?
Strafen ist keine moderne Idee. Bereits in archaischen Gesellschaften gab es Sanktionen, Racheakte und Rituale der Vergeltung. Das Bedürfnis zu strafen ist tief in unserer Kulturgeschichte verwurzelt. Und damit ebenso tief in unserer Psyche.
Wir strafen, wenn wir uns ohnmächtig fühlen. Wenn uns Unrecht begegnet, suchen wir nach einem Ausgleich. Nicht selten ist das Bedürfnis zu strafen ein Schrei nach Ordnung in einer Welt, die sich chaotisch anfühlt. Es ist der Wunsch, Kontrolle zurückzugewinnen – über ein Geschehen, das sich der eigenen Einflussnahme entzogen hat.
Dabei geht es oft weniger um die Täter als um uns selbst. Unsere Angst. Unser verletztes Gerechtigkeitsempfinden. Unser Wunsch, ein Zeichen zu setzen. Strafe wird so zur psychologischen Beruhigung – und weniger zur rationalen Antwort.
Zwischen Wut, Angst und Gerechtigkeit: Emotionen als Motor
Ein grundlegendes Missverständnis unserer Zeit: Gerechtigkeit sei objektiv. Doch das ist sie nicht.
Gerechtigkeit ist ein Gefühl. Ein individuelles, oft emotional aufgeladenes Empfinden darüber, was „richtig“ und „falsch“ ist. Und genau hier beginnt die Gefahr: Sobald sie zur reinen Emotion wird – getrieben von Wut, Angst oder Ekel – wird Strafe zum Ventil, nicht zur Lösung.
Wer strafen will, ist nicht automatisch ungerecht. Aber wer nicht hinterfragt, warum er oder sie strafen will, läuft Gefahr, Ungerechtigkeit zu reproduzieren. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern für Gesellschaften als Ganzes.
Die Strafpolitik als Spiegel kollektiver Psyche
Die Strafpolitik eines Landes erzählt uns viel über seine kollektiven Ängste. Über seine blinden Flecken. Über das Verhältnis von Macht und Marginalisierung.
In Zeiten politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Unsicherheit erleben wir oft einen Anstieg punitiver Forderungen. „Härtere Strafen“ gelten dann als Zeichen der Handlungsfähigkeit. Politiker versprechen Sicherheit, Medien emotionalisieren und dramatisieren Einzelfälle, und die öffentliche Meinung schwenkt von differenzierter Betrachtung zur Forderung nach Vergeltung.
Doch genau hier wird es kritisch: Wenn Strafbedürfnisse Ausdruck kollektiver Angst sind, dienen sie nicht der Gerechtigkeit, sondern der Beruhigung eines unsicheren Ichs.
Wie gerecht ist unsere Gerechtigkeit?
Emotionen sind menschlich – auch in der Rechtsprechung. Aber wenn Strafen einzig darauf abzielen, zu vergelten oder zu beruhigen, verfehlen sie ihren ethischen Kern. Eine Strafrechtspflege, die sich an Rache statt an Resozialisierung orientiert, zementiert Ohnmacht statt Lösungen zu schaffen.
Das bedeutet nicht, dass Strafe grundsätzlich falsch ist. Aber sie darf kein moralischer Reflex bleiben. Kein Automatismus.
Die zentrale Frage lautet nicht: „Was hat die Person getan?“. Sondern: „Was wollen wir mit unserer Reaktion bewirken?“
Wollen wir beruhigen – oder verändern? Wollen wir vergelten – oder schützen? Wollen wir Recht – oder Gerechtigkeit?
Strafe ist die sichtbare Seite der Macht.
Strafen wollen ist nicht falsch – aber nie neutral
Niemand verlangt, dass wir Unrecht gefühllos hinnehmen. Der Impuls, strafen zu wollen, kann auch aus echtem Verantwortungsbewusstsein entstehen. Aber er ist nie neutral. Er ist immer auch Ausdruck unserer Erfahrungen, Werte und gesellschaftlichen Prägungen.
Ein kritischer Umgang mit dem eigenen Strafbedürfnis bedeutet nicht, es zu unterdrücken. Sondern es zu kontextualisieren. Woher kommt mein Wunsch nach Bestrafung? Was will ich damit erreichen? Geht es mir um Gerechtigkeit – oder um Rache, Angst, Entlastung?
Eine Einladung zur Selbstreflexion
Was löst es in dir aus, wenn du an schwere Straftaten denkst? An Menschen, die anderen Schaden zugefügt haben?
Spürst du Wut? Angst? Trauer? Den Wunsch nach Strafe? Wenn ja – gut. Denn das ist menschlich.
Ab diesem Punkt beginnt kritische Kriminologie, Pädagogik, Ethik: Sie fragt weniger nach der Schuld der Anderen – sondern nach der Verantwortung, die in unserem Strafbedürfnis steckt.
Strafe ist nicht nur eine Reaktion auf ein Verbrechen. Sie ist ein Spiegel unserer Werte, Ängste und Wünsche. Und vielleicht ist sie genau deshalb so faszinierend – und so gefährlich.
Humanität statt Reflex
Eine gerechte Gesellschaft erkennt den Impuls zu strafen, aber sie entscheidet sich bewusst dafür, klüger zu sein als dieser Impuls. Denn Humanität beginnt dort, wo wir aufhören, reflexhaft zu reagieren und anfangen, verantwortlich zu handeln.
Impulse zur Reflexion
- In welchen Momenten spürst du selbst ein Bedürfnis nach Strafe?
- Woher kommt dieses Gefühl? Was liegt ihm zugrunde?
- Welche Alternativen zum Strafen wären in dieser Situation denkbar?





